Quo vadis Irish Terrier ?

 

Der aktuelle Anlass einige Gedanken über die Entwicklung des Irish Terriers zu Papier zu bringen ist die erfreulich hohe Anzahl neu beantragter Zwingernamen für unsere Rasse in den letzten Monaten .

Der tiefere Grund für diese Veröffentlichung ist die Frage wo sich alle diese engagierten Jungzüchter orientieren sollen. Wo sollen sie die Kenntnisse und Entscheidungsgrundlagen hernehmen, die eine Züchter von einem Vermehrer unterscheiden? Und wie schaffen wir es, als „alte“ Züchter, diese neuen in unsere Reihen zu integrieren, ihnen Hilfestellung zu bieten, ohne sie zu bevormunden und sie so langfristig unserer Rasse zu erhalten?

Scheinbar handelt es sich hier um ein Luxusproblem. Die Zahlen in Deutschland gezüchteter Irish sind stabil oder steigen sogar an, wo andere Rassen mit Rückgängen zu kämpfen haben. Die Verbreitung genetischer Defekte in der Rasse ist äußerst gering. Der Irish gilt zurecht als äußerst kinderlieber, pflegeleichter Familienhund und wird – wie gelegentliche Auftritte in den Medien zeigen- zunehmend populär.

Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Welpenzahlen z.Zt. einen Stand haben, der in England der Rasse den Status „gefährdet“ einbringen würde. Wir haben also allen Anlass uns auch künftig engagiert für die weitere Verbreitung des Irish Terriers einzusetzen. Es wird zwar gelegentlich gewarnt, der Irish dürfe kein Modehund werden; von einer solchen Entwicklung sind wir bei den gegenwärtigen Welpenzahlen aber weit entfernt.

Da ist jeder einzelne neue Fan der Rasse wertvoll, ob er züchtet, seinen Hund im Sport einsetzt oder sich als „Nur- Hunde-Halter“ für die Rasse engagiert.

Wenn so einer neuer Fan der Rasse nun aber versucht, sich zu informieren so wird er in verschiedenen Medien und bei Gesprächen mit verschiedenen Züchtern äußerst unterschiedliche und vor allem widersprüchliche Aussagen erhalten.

Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass sich manche Züchter untereinander leider nicht „grün“ sind und neben objektiven Informationen und Erfahrungen vor allem Fehler und charakterliche Mängel der lieben Züchterkollegen und derer Hunde in den leuchtendsten Farben schildern. Als scheinbar objektives Kriterium für die Bewertung der verschiedenen Hunde werden dann gern die Ausstellungserfolge und -titel genannt und auf die hohe Bedeutung der Präsentation bei diesen Ereignissen hingewiesen.

Nun will ich hier keineswegs etwas gegen Hundeausstellungen sagen. In der Tat sind sie eine wichtige Informationsquelle über den Stand der Zucht. Hunde auszustellen kann auch ein wundervolles Hobby sein, bei dem man sportlichen Ehrgeiz, höchste handwerkliche Fertigkeit und internationale Reisen und Kontakte aufs Beste miteinander verbinden kann.

Aber um einem jungen Züchter das Rüstzeug für die Planung seiner ersten Würfe zu geben, sind sie eben nur eine Informationsquelle unter vielen. Denn wer züchtet schon Hunde mit dem primären Ziel, möglichst viele Pokale und Titel zu erringen?

Wenn man sich mit den großen, bekannten Züchtern – ob in Deutschland oder im Ausland – unterhält, so wird man von keinem hören, dass er durch das Ausstellen von Hunde auf die Rasse gestoßen ist. Vielmehr schwärmen alle vom unvergleichlichen Wesen des Irish Terriers, seiner Intelligenz, seiner Liebe zur Familie und erst in zweiter Linie von der „Verpackung“ aus typischem Ausdruck, rauem roten Fell und kräftig- eleganter Erscheinung, in der dieser wunderbare Hund daherkommt.

Und wenn man sich näher mit der Rasse befasst, erkennt man, dass das besondere, was unsere Irish von anderen Rassen deutlich abhebt, seine naturnahe Robustheit ist. Seine Instinkte sind noch weit mehr intakt als bei vielen anderen Rassen. Wir kennen kaum die typischen Probleme, die sich häufig bei der Rassehundzucht einstellen wie die Notwendigkeit künstlicher Besamung, Kaiserschnittgeburten oder mangelhaftes Pflegeverhalten der Hündin bei der Welpenaufzucht.

Aber was soll der künftige Züchter tun, damit das so bleibt? Natürlich lesen, zuhören, lernen. Aber- wie oben gesagt- beim Zuhören wird er viele verschiedene, widersprüchliche Statements zu hören kriegen. Der eine empfiehlt enge Linienzucht, weil dies das Erfolgsrezept aller langjährigen Züchter sei. Der andere empfiehlt den Einsatz möglichst vieler unterschiedlicher Rüden und eine reine Fremdzucht, um der potentiellen Ausbreitung theoretisch möglicherweise vorhandener Gendefekte entgegenzuwirken. Der eine warnt vor ganzen Blutlinien, der andere fragt erst mal, was genau denn das überhaupt sei.

Daraus folgt die erste Erkenntnis des neuen Züchters: „ Es gibt keine einfachen Lösungen.“ Recht hat er. Aber wie kann er sich möglichst objektiv informieren?

Zuerst einmal sollte er sich intensiv mit der Rasse, ihrer Geschichte, dem Einsatzzweck der Hunde im 19ten Jahrhundert, dem Rassestandard und der Entwicklung der Zucht befassen. Und z.B. verstehen, dass der Hund ein vollständiges, fehlerfreies Gebiss nicht zum Zähnezählen sondern zum Zupacken haben sollte. Oder dass die korrekte Winkelung von Vor- und Hinterhand nicht aus architektonischen Gründen wünschenswert ist, sondern weil der Hund mit der besseren Winkelung auch besser läuft.

So sollte er im Laufe der Zeit seine Idee vom perfekten Irish Terrier entwickeln. Das Studium alter Literatur und der Dialog mit langjährigen Züchtern der Rasse hilft hier oft mehr als die Betrachtung der aktuellen Siegerhunde im In- und Ausland. Denn nur wenige Richter sind auch ausgesprochene Irish Terrier Spezialisten. Und erst wenn man sich klar gemacht hat, was einen typischen Irish Terrier von einem attraktiven rothaarigen Terrier unterscheiden kann, wird man seinen eigenen Weg zu finden in der Lage sein.

Dazu sollte man sich mit Fragen wie: „Was ist ein constructed scull?“ „Wie sollte das Verhältnis von Oberkopf zu Vorgesicht aussehen?“ „Sind möglichst schmale Köpfe wünschenswert?“ „Wie sieht das ideale Haarkleid aus?“ „Was ist der Unterschied zwischen Genotyp und Phänotyp und was bedeutet dies für die Zucht?“ usw. usw. befasst haben. Denn die alte Weisheit : “When you loose the type, you loose the breed.” (Wer den Typ verliert, verliert die Rasse) ist heute aktueller denn je. Hilfestellung gibt es hier z.B. bei zwei der ganz großen alten Damen der Irish Terrier Zucht, Norah Woodifield aus England und Gräfin Staufenberg aus Deutschland. Die Bilder ihrer besten Hunde, ihre Ausführungen über Typ und Wesen des Irish Terriers sollten Pflichtlektüre aller wirklich an der Rasse Interessierter sein. Damit erwirbt man das Rüstzeug, um einen Irish Terrier zu beurteilen. Das sollte man so häufig wie möglich tun. Auf Ausstellungen, auf Vorstellungen der Nachzucht wie sie der niederländische Irish Terrierklub auf seinem „Junge-Hunde Tag“ anbietet oder einfach bei jeder anderen Gelegenheit. Dabei sollte man die Hunde nicht nur anschauen, sondern möglichst auch anfassen, um das richtige Gefühl für Haarstruktur und Anatomie zu kriegen.

Und wenn man dann weiß, wie ein perfekter Irish Terrier aussehen soll, fehlen immer noch die beiden wichtigsten Kriterien. Wesen und Gesundheit. Die kann man leider nicht sehen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Deshalb geben unsere Zuchtschauen für diese Punkte noch weniger Hilfestellung als bei der Suche nach dem richtigen Typ.

Dafür findet man hier Unterstützung bei den Regularien des KfT. Unsere Voraussetzungen für die Zuchtzulassung sind weitaus strenger als in den meisten anderen Ländern. Wenn auch bei Zuchtzulassung und Wesenstest nur Mindestanforderungen gestellt werden, so verhindern sie doch, dass völlig ungeeignete Rassevertreter zum Zuchteinsatz gelangen. Bezüglich der Gesundheit bleibt dann nur die Frage, wie ich den Einsatz von Hunden verhindern kann, die unerkannt Anlagen für Erbkrankheiten in sich tragen. Zu nennen ist beim Irish Terrier hier eigentlich nur die Hyperkeratose. Auch wenn deren Vererbung noch nicht hundertprozentig geklärt ist, so ist doch von einem autosomal dominant / rezessiven Erbgang auszugehen. D.h. Merkmalsträger und deren Eltern gehören nicht in die Zucht. Bei der Frage, welche Hunde denn in letzter Zeit Hyperkeratose gebracht haben, ist man auf die Ehrlichkeit und Offenheit der Züchter und Besitzer der infrage kommenden Tiere angewiesen. Erfahrungsgemäß ist es damit oft nicht weit her. Es gibt aber zum Glück z.Zt. erfolgversprechende Bestrebungen von Rassebetreuerin und Förderverein hier zu mehr Transparenz zu kommen.

Lebhafte Diskussionen gibt es in der Züchterschaft z.Zt. über die Frage, ob auch bei der Bildung von Cystinsteinen eine erbliche Komponente gegeben sein könnte. Vorsichtshalber sollte man nicht mit Rüden züchten, die unter Cystinsteinen leiden. Leider treten diese Steine oft erst im Alter von mehreren Jahren auf, so dass den laufenden Untersuchungen zu dem Thema baldiger Erfolg zu wünschen ist. Die Folgen der Bildung von Cystinsteinen bis hin zum Verschluss der Harnröhre beim Rüden sind aber meist gut zu therapieren, so dass ein betroffenes Tier unter dieser Krankheit weit weniger leidet, als ein Hund mit Hyperkeratose.

Beide Erkrankungen sind aber so selten, dass befragte Wissenschaftler den Wunsch nach Forschung auf diesem Gebiet aufgrund der Seltenheit des Auftretens oft mit Unverständnis quittieren. Ganz nach dem Motto : „Was wären andere Rassen froh, wenn sie diese Probleme hätten.“

„Ein Hund aus purem Gold, außen wie innen“ hat Jack London über den Irish Terrier geschrieben. Das innere Gold, das Wesen dieser Hunde ist letztlich das, was die Besitzer an ihren Hunden so fasziniert. Was sie immer wieder auf den Irish zurückkommen lässt und was so oft dazu führt, dass irgendwann mehr als nur ein Irish Terrier zum Haushalt gehört.

Nun gehört zum Wesen mehr als die Summe der Erbanlagen. Es entwickelt sich auf deren Grundlage durch Prägung, Sozialisierung, Erfahrung und Lernen. Es ermöglicht uns, unsere Irish in vielfältiger Form bei Agility, Obedience, in der Fährtenarbeit, beim Rettungsdienst und bei der Jagd einzusetzen. Zur Zeit lässt sich ein starker Trend beobachten, unsere Irish vor allem in den „moderneren“ Sportarten wie Agility einzusetzen. Ein Trend der intensivste Unterstützung verdient. Denn der Besitzer des Hundes lernt hier mindestens ebensoviel wie sein Vierbeiner. Und er wird dadurch in die Lage versetzt, mit seinem freundlichen, gehorsamen, sozialverträglichen Hund tagtäglich die beste Werbung für die Rasse zu machen, die es geben kann. Die breite Öffentlichkeit erreichen wir eben nicht nur über hohe Meldungen auf Ausstellungen; die hundekritische Öffentlichkeit erreichen wir dort überhaupt nicht. Aber jeder gut erzogene, kinderfreundliche, sympathische Irish trägt dazu bei, Ressentiments gegen Hunde und deren Halter abzubauen. Er arbeitet damit am Fundament der Rasse in der Zukunft.

Deshalb sollte das Wesen der in der Zucht eingesetzten Hunde noch viel mehr Bedeutung erlangen, als es das heute schon hat. Deshalb sollte jeder verantwortungsvolle Züchter in der Lage sein, seine Welpenkäufer nicht nur bezüglich des Trimmens und des Ausstellens, sondern auch bei der Ausbildung des Hundes weit nach der Übergabe des Welpen zu beraten und zu begleiten. Vor über vierzig Jahren hat Konrad Lorenz schon die Bedeutung des Wesens für die Rassehundezucht erkannt und in seinem Büchlein „So kam der Mensch auf den Hund“ im Kapitel „Anklage gegen Züchter“ beschrieben.

Wie gut, dass dem vielfältigen Einsatz der Irish Terrier in jüngster Zeit auch in unserer Klubzeitschrift mehr Raum gewidmet wird.

Denn ich bin der festen Überzeugung, dass die Zukunft unserer Rasse in einem häufig hundekritischen Umfeld nicht nur über die Teilnahme an Ausstellungen, sondern mindestens ebenso sehr über den vielseitig einsetzbaren universellen Sport- und Freizeitpartner Irish Terrier entschieden wird.

Und alle Züchter – ob sie Hunderte von Irish gezüchtet haben oder ihrem ersten A-Wurf entgegenfiebern- sollten in fairem Wettstreit bemüht sein, den robusten, rassetypischen, gesunden Partner für begeisterte neue und alte Irish Terrier Liebhaber zu züchten.

Diese Zeilen können die gesamte, komplexe Thematik natürlich nur anreißen. Es wäre schön, wenn sich daraus eine offene, von Respekt und Toleranz getragene Diskussion entwickeln würde.

Die älteren Züchter und und Irish Fans sollten versuchen, den jüngeren zu helfen; durch Information, mit Ehrlichkeit und ohne Besserwisserei; auch wenn man jahrzehntelange Erfahrung nicht in wenigen Worten weitergeben kann. Es ist ein wenig wie bei jedem Generationswechsel. Man kann Anleitung und Hilfestellung geben, aber den eigenen Weg muss jeder selbst finden. Und er muss seine eigenen Fehler machen dürfen, ohne dafür an den Pranger gestellt zu werden.

Meine persönlichen Empfehlungen an Newcomer in der Rasse lassen sich so zusammenfassen:


 

Dortmund , im Februar 2007

Andreas Clauser