Zucht (und) Schau

 

Das diesjährigen Großereignis der Hundezucht in Deutschland, die Hunde Welt Ausstellung, liegt hinter uns und der Besucher konnte sich über den Stand der Hundezucht in einem großen Teil der Welt einen Überblick verschaffen. Leider nur aus einem Teil, da wegen des Ausstellungsverbotes kupierter Hunde, viele Hunde zuhause bleiben mussten, leider auch die aus dem Mutterland der Irish Terrier. Auch den Sommer und die Schaupause haben wir genossen. Nun beginnt die Ausstellungssaison mit den ersten bedeutenden Schauen, Klubsieger und Bundessieger.

Angeregt durch diese Ausstellungen, aber auch durch den kritischen Artikel von Dr. Krautwurst in der Zeitschrift «Der Hund», sowie durch verschiedene Äußerungen in unseren Foren, fühle ich mich veranlasst, meine Gedanken zum Thema Zucht und Schau zur Diskussion zu stellen, und ich würde mich freuen, wenn Rückmeldungen im Forum erfolgen.

Die Zucht von Haus- und Nutztieren wird in Deutschland schon lange durch staatliche Institutionen kontrolliert, die diese Aufgabe teilweise an Vereine und Verbände delegiert haben. Jährlich findet, meist auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung, eine Begutachtung der Tiere durch eine Kommission statt, die besonders gute Zuchtexemplare prämiert, so z.B. bei den landwirtschaftlichen Nutztieren. Bei den Pferden gibt es zentrale Körveranstaltungen, Hundezüchter und –besitzer haben Zuchtzulassungen und verschiedene regionale bis weltoffene Ausstellungen, auf denen ihre Hunde bewertet werden.

Dem Sinn und Ziel der landwirtschaftlichen Ausstellung oder der Körveranstaltung kommt bei den Hunden die Zuchtzulassung am nächsten, ohne dass hier jedoch Platzierungen vorgenommen werden. Die Hunde werden begutachtet, vermessen und erhalten danach die Zuchtzulassung oder nicht. Diese Veranstaltungen sind wenig spektakulär und finden meist in kleinem Rahmen statt. Ich denke, sie könnten aufgewertet werden, wenn die Zahl reduziert und dafür mehr Hunde einer Rasse gezeigt und auch platziert würden. Züchter hätten so z. B. die Möglichkeit, auf einer Veranstaltung die neuen Rüden des Jahrgangs gemeinsam zu sehen.

Die Bewertung auf Hundeschauen gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen, zum einen, weil sie nur von einer Person vorgenommen wird, zum anderen, weil ihr Aussagewert für die Zucht fragwürdig ist. Man muss sich vergegenwärtigen, dass auf den Hundeschauen Anwartschaften für Schönheitstitel (CAC = Certificat d’Aptitude au Championat, CACIB= Certificat d’Aptitude au Championat International de Beauté) vergeben werden und nur nach diesem Kriterium entsprechend dem Geschmack des Richters rangiert wird. Dass dieser Geschmack nicht immer zum Wohle der Rasse gereicht, zeigen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre, deren bekanntestes Beispiel wohl die abfallende Rückenlinie bei Schäferhunden ist, die zur Hüftdysplasie führte. Extrem hohe Weißanteile im Fell einiger Rassen führen zu vermehrten Hautproblemen und bei den Irish Terriern habe ich die Befürchtung, dass die Tendenz zu immer schmaleren Köpfen Zahnverluste oder Fehlstellungen (Canini Engstand) zur Folge hat.

Welchen Sinn haben dann die Schauen?

Die Antwort ist kurz und einfach, sie sind ein wirtschaftlicher Faktor.

1. Nirgendwo sonst erreicht die Futtermittel- und Zubehörindustrie so kompakt eine so große Zahl potenzieller Kunden.

2. Über die Schauen erzielen die Vereine oder Verbände zusätzliche Einnahmen.

3. Züchter treffen hier Käufer für ihre Hunde.

4. Eine gute Platzierung erhöht den wirtschaftlichen Nutzen der Zuchttiere durch höhere Deckgebühren oder durch eine höhere Anzahl von Bedeckungen und durch höhere Welpenpreise.

Zu Punkt 1.

Auf einer internationalen Hundeausstellung begrüßte der Veranstalter besonders die Damen und Herren der Futtermittel- und Zubehörindustrie mit den Worten, dass ohne deren Engagement die Veranstaltung in dem Rahmen nicht durchzuführen wäre. Die Firmen stellen Organisationsmaterial wie Schilder, Absperrbänder und Nummernschilder zur Verfügung. Sie schalten Anzeigen in den Katalogen und tragen mit ihrer Standmiete dazu bei, dass die Kosten für die Aussteller im erträglichen Rahmen bleiben. Dies alles wird finanziert vom Werbebudget der Firmen und ist gedacht, den Nutzen und Erfolg der Firma zu mehren.

So liegt es im Interesse der Industrie, diese großen Schauen durchzuführen, denn hier ist die beste Bühne zur Präsentation der Produkte, nirgendwo sonst kann sie das Fachpublikum so gezielt und in so großer Zahl ansprechen.

Und betrachtet man, was die Aussteller und Besucher gerade zu diesem Zeitpunkt alles benötigen, kaufen und aus den Hallen schleppen, so scheint die Strategie der Firmen aufzugehen.

Zu Punkt 2.

Es mag sein, dass bei sehr großer Beteiligung an Schauen auf Orts- oder Landesgruppenebene auch für die örtliche Kasse ein geringer Überschuss bleibt. Doch wenn das so ist, dann ist es das Verdienst der vielen ehrenamtlichen Mithelfer. Die Miete für das Gelände und die Kosten für die Richter sowie die Preise und Urkunden beanspruchen den größten Teil des Budgets. und dann kassiert ja auch noch der Klub oder der Verband in Form von verschiedenerlei Gebühren.

So ist es nur zu verständlich, dass es die Politik des Klubs ist, den Besuch möglichst vieler Schauen anzuregen bzw. für die Zuchtzulassung vorzuschreiben.

War es früher erforderlich, auf einer Schau mindestens ein „sg“ zu erhalten, um den Hund für die Zucht anerkannt zu bekommen, so wurde später die Zuchtzulassung als gesonderte Veranstaltung eingeführt. Diese Maßnahme war insofern richtig, als hier mit mehr verfügbarer Zeit auf den Hund eingegangen werden konnte, er konnte vermessen und die Ergebnisse in ein detailliertes Protokoll eingetragen werden. Diese Regelung hatte jedoch zur Folge, dass die Schauen nur noch in geringerem Umfang besucht wurden, da sie für die Zuchtzulassung ja nicht mehr erforderlich waren. Diese Entwicklung war wohl nicht bedacht und in keinem Fall erwünscht. So wurde die Regelung zur Zuchtzulassung wieder geändert und mündete schließlich in der heutigen, die zwei Schaubesuche mit mindestens sg-Bewertung und die Zuchtzulassung vorschreibt.

Der Sinn dieser Regelung bleibt dem Autor verschlossen. Hält man seitens des Klubs die Züchter für so betriebsblind, dass sie ihre für die Zucht vorgesehenen Hunde nicht richtig einschätzen können und deshalb erst zu verschiedenen Schauen gehen müssen? Oder traut man den für die Zuchtzulassung zugelassenen Richtern doch kein alleiniges und abschließendes Urteil zu? Ich denke, der wahre Grund liegt in dem zusätzlichen Verdienst, den der Klub durch die Schaubesuche erhält. Diese Ansicht wird bestärkt durch die Tatsache, dass zur Zucht vorgesehene Hunde, die nach dem 1.6.1998 im Ausland geboren wurden und deren Ruten noch kupiert sind, in Deutschland dreimal zur Zuchtzulassung gebracht werden müssen. Der Sinn dieser Regelung kann doch nur einzig der sein, Gebühren zu kassieren. Eine Steigerung des Zuchtwertes wird hierdurch bestimmt nicht erzielt.

Zu Punkt 3.

Schauen sind für zukünftige Hundebesitzer immer ein geeigneter Ort, um sich über verschiedene Hunderassen zu informieren, oder, wenn man sich schon weitgehend für die Rasse des zukünftigen Hundes entschieden hat, sich mit verschiedenen Züchtern zu unterhalten und deren Hunde kennen zu lernen. Für eine erste Kontaktaufnahme bleibt im Rahmen einer Schau immer ausreichend Zeit. Die Schau ist somit vergleichbar mit einem Marktplatz, auf der die Waren präsentiert werden, um sie besser zu verkaufen. Allerdings ist es auch hier wie auf dem Gemüsemarkt, die ansehnlichen Waren liegen in der ersten Reihe, verkauft wird von hinten. Das belegen die Hunde, die man auf der Straße trifft und die sich in ihrem Äußeren häufig stark von den Schauhunden unterscheiden.

Zu Punkt 4.

Auf Schauen erfolgreiche Hunde erhalten einen Titel, eine Urkunde und ihre Nachkommen erhalten Ahnentafeln mit besonderem Aufdruck (Körzucht, Auslesezucht oder Championzucht). Dieser Titel und die Urkunde sind für viele Besitzer und Züchter von Bedeutung. Dafür sind sie auch bereit, einen höheren Betrag zu bezahlen. Der Züchter kann gegenüber dem Hundekäufer den höheren Preis leicht rechtfertigen mit den höheren Kosten durch Schaubesuche oder die höheren Deckgebühren. In gleicher Weise kann der Besitzer eines dekorierten Rüden argumentieren. Es gibt genügend Züchter, die sich von einem Titel blenden lassen und bereit sind höhere Deckgebühren zu bezahlen, in der Erwartung, Hunde zu erhalten, die später ebenfalls mehr einbringen.

So gehört auch dieser Bereich zu den Marketingstrategien eines Klubs, der mit der Titelverleihung möglichst viele Aussteller zu den Schauen ziehen möchte.

Doch was hat dieses alles mit der Zucht zu tun?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns erst einmal über das Zuchtziel klar sein. Bei einigen Tieren ist das leicht zu definieren. Bei Milchkühen wird eine hohe Milchleistung das Ziel sein, Springpferde sollen hoch und weit springen können, selbst bei Hunden gibt es Spezialisierungen wie Schutz-, Hüte- oder Jagdhunde, doch was sollen Irish Terrier?

Mir gefällt in diesem Zusammenhang eine Geschichte, die den Irish gut charakterisiert. Demnach sollte er morgens im Wald wildern, vormittags die Schafe hüten, nachmittags auf das Kind aufpassen und abends in der Kneipe Hundekämpfe austragen. All diese Eigenschaften treffen wir auch heute noch mehr oder weniger ausgeprägt in unseren Irish Terriern. Der Standard versucht, sie zu beschreiben, definiert jedoch weitgehend das äußere Erscheinungsbild (Phänotypus). Und wie bei jedem geschriebenen Text, so ist auch dieser interpretierbar. Er gibt eben nicht in physikalischen Maßeinheiten vor, wie der Idealhund geschaffen sein soll und er kann es auch nicht.

Machen Sie einmal den Test und lassen Sie verschiedene Leute einen nicht bekannten Gegenstand nach Ihrer Beschreibung malen. Sie werden erstaunt sein, wie viele verschiedene Lösungen es gibt. und ebenso unterschiedliche Auffassungen gibt es bei der Auslegung des Standards.

Hinzu kommt, dass die Qualität eines Hundes sich eben nicht nur in seiner äußeren Erscheinung ausdrückt, sondern auch Wesen und Gesundheit von enormer wenn nicht sogar von entscheidender Bedeutung sind. Doch gerade diese Punkte können bei einer Schau und leider auch bei der Zuchtzulassung nicht bewertet werden. Andererseits schließen sich korrektes äußeres Erscheinungsbild und korrektes Wesen und Gesundheit natürlich nicht gegenseitig aus, doch folgen diese eben auch nicht zwangsläufig aus einer vorzüglichen Phänotypbeurteilung. Es ist wie bei den Menschen, auch hier sind die schönen nicht immer die gesünderen und netteren Zeitgenossen. Also bleibt es dem Züchter überlassen, hier Schwerpunkte zu setzen.

Es gibt Zwinger, die machen für ihre Nachzucht Reklame, indem sie ihre Ausstellungserfolge aufzählen. Dies ist vernünftig, wenn der Zwinger sein Hauptaugenmerk auf den Phänotypus des Hundes legt. Schlussfolgerungen anderer Art, z.B auf das Wesen halte ich für verwegen und allenfalls als Reklamegag geeignet. Für mich haben sie etwa den gleichen Stellenwert wie jene Aussage eines Züchters, der einem Hundekäufer konsequentes Ohrenkleben empfahl, da nur dann der Hund gute Ohren vererben könne.

Wir haben selbst einen Hund gehabt, den wir frühzeitig auf Schauen ausgestellt und auch zu großen Schauen mitgenommen haben. Der Hund zeigte sich von dem ganzen Trubel und dem Lärm in den Hallen völlig unbeeindruckt. um so erstaunter waren wir, als für diesen Hund beim Spaziergang durch die Stadt hinter jedem Reklameständer eine Gefahr zu lauern drohte und Fahrräder und Kinderwagen Angst einflößende Gebilde waren. Wir hatten ihn schlicht in frühem Alter nicht mit diesen Umweltgegebenheiten vertraut gemacht. Mittlerweile stören ihn auch diese Dinge nicht mehr.

Wer andererseits sieht, wie manche Eigner ihre Hunde auf Schauen in zugehängte Boxen sperren und sie nur kurzzeitig für die Vorstellung im Ring daraus erlösen, vermag nicht zu glauben, dass diese Hunde durch die Ausstellung wesensfest geworden sind.

Doch kommen wir noch einmal zurück auf die Bewertung der Hunde und deren Einfluss auf die Zucht. Nehmen wir als Beispiel die Ergebnisse der großen Schauen dieses Jahres. Hunde amerikanischer Blutlinien dominierten die Szene, eben jene Hunde, denen im Spezialheft „Der TERRIER“ 8/1998 noch bescheinigt wurde , “dass gerade der für die Rasse so wichtige Ausdruck ruiniert wurde,“ deren Kopfform nicht konform geht mit dem Standard des Irish Kennel Club und deren Reinrassigkeit in Frage gestellt wurde. Können diese Ergebnisse der Maßstab für die weitere Zucht sein? Und was ist, wenn im nächsten Jahr ein anderer Richter wieder einen anderen Hundetyp nach vorne stellt? Eine solide Zucht kann und darf sich nicht an Schauergebnissen orientieren. Dies ist etwas für Vermehrer, die den derzeitigen Trend für „einen schnellen Euro“ ausnutzen wollen.

Hunde werden für Schauen präpariert und manipuliert. Es wird nicht nur gepudert, gefärbt und „gesprayt“, wobei das Ohren-Kleben beim Irish zu einer allseits akzeptierten Manipulation gehört. Von anderen Schautieren sind auch darüber hinaus gehende Eingriffe bekannt. Mir fehlt der Glaube daran, dass in der Hundeszene bessere Menschen leben. All dieses müssen die Tiere über sich ergehen lassen, dem Ziel folgend, ein besseres Schauergebnis zu erreichen. Vererben tut sich dann aber doch der „schlichte Köter“.

Wenn Sie aus meinen bisherigen Ausführungen den Eindruck gewonnen haben, dass ich kein Freund von Ausstellungen bin, so will ich Ihnen nicht widersprechen. Ich mag sie nicht und ich bin der Meinung, dass unsere Hunde auch viel lieber im Wald oder über die Koppel spazieren gingen, als den Tag am Schauring angeleint zu verbringen. Trotzdem haben Schauen ihre Berechtigung und es sollte sie auch weiterhin geben. Sie sind ein wesentlicher Faktor im Wirtschaftszweig Hundewesen. Sie sind der Marktplatz, an dem sich Erzeuger und Verbraucher treffen und sie befriedigen in besonderem Maße das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung, wenn in diesem Falle auch nur durch den Hund. Nur sollten sie dann auch eindeutig dort angesiedelt sein und nicht teilweise als Zuchtschauen deklariert werden.

Es ist bezeichnend, dass die größte Hundeschau in diesem Jahr als „Ausstellung“ und nicht als Zuchtschau ausgeschrieben war, obwohl sie doch in besonderem Maße einen Einblick in den Stand der weltweiten Hundezucht gewährte. Es ist weiterhin bezeichnend, dass sowohl der KfT als auch andere kynologische Vereine oder Verbände jeweils Beauftragte sowohl für das Zucht- als auch für das Ausstellungswesen haben.

Diese Trennung ist sinnvoll, sie sollte aber deutlicher gemacht werden. Wer Titel sammeln und sich mit Schleifen oder Pokalen schmücken will, hat dazu in jedem Jahr reichlich Gelegenheit.

Eine gute Zucht zeigt sich in der Nachzucht in ihrer Gesamtheit, nicht nur in einzelnen ausgewählten Tieren, sie zeigt sich in der Zufriedenheit der Welpenkäufer und in kleinen Tierarztrechnungen.

Dieser Beitrag enthält meine persönliche Ansicht zum Thema Zucht und Schau.

Dieter Hospowsky